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"Sushi
in Berlin? Bist du verrückt?"
Andere
Mütter haben doch nicht so schöne Töchter: Ein Gespräch mit der
jungen Designerin Lavinia Biagiotti, Italiens führendem Mode-Nachwuchs
Wenn
man Lavinia Biagiotti das erste Mal gegenübersteht, glaubt
man, aus dieser Frau sollten eigentlich mal zwei werden: Mund,
Augen, Nase, Kurven - alles an ihr ist eine Nummer größer
geraten. Dazu noch der ausladende italienische Gestus und ein
Lachen, das dem großen Mund absolut gerecht wird. Sollte
es einen Ausdruck wie "raumgreifende Erscheinung" geben,
dann trifft er hier. Von sich selbst sagt sie übrigens: "Es
ist unmöglich, mich abzustellen." Na dann, bitte.
Welt
am Sonntag: Sagen Sie, habe ich das richtig verstanden? Sie sind
mit 18 ins Familienunternehmen eingestiegen?
Lavinia
Biagiotti: Ja, das war ziemlich früh. Jetzt, wo ich 26 bin,
könnte ich mich eigentlich langsam zur Ruhe setzen. Aber
im Ernst, mein Vater starb, als ich 17 war. Er und meine Mutter
waren ein phantastisches Team und wollten immer unabhängig
bleiben. Ich konnte sie danach nicht einfach allein lassen. Also
habe ich ihr geholfen, anstatt Medizin zu studieren, was ich eigentlich
vorhatte.
Was
kann man denn mit gerade 18 Jahren überhaupt machen?
Biagiotti:
Meine Mutter war sehr streng mit mir - was im nachhinein wahrscheinlich
gut gewesen ist. Aber als ich mit Kaffee kochen und Fotokopieren
anfangen mußte, habe ich noch nicht so gedacht. Sie hat
mir zwar auch zugehört, wenn ich glaubte, eine gute Idee
zu haben. Aber das erste Jahr war wirklich schrecklich.
Und
jetzt haben Sie eine eigene Damen- ("Roma") und Kinderkollektion
("Dolls"), entwerfen demnächst noch eine Schmucklinie
und haben gerade den Fifi-Award, den Parfüm-Oscar, für
ihren Duft "Aqua di roma uomo" gewonnen. Ihre Mutter
muß wahnsinnig stolz auf Sie sein.
Biagiotti:
Ja, ich glaube schon ein bißchen. Aber in unserer Familie
lieben wir nun einmal, was wir tun. Anders könnte man diesen
Job auch gar nicht machen. Ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern,
wann ich das letzte Mal ein freies Wochenende hatte.
Sie
und Ihre Mutter verstehen sich offensichtlich bestens. Wie wird
man eine gute Tochter?
Biagiotti:
Indem man zum Beispiel nicht Medizin studiert ... Wahrscheinlich
verstehen wir uns deshalb so gut, weil wir versuchen, voneinander
zu lernen. Und bei uns dürfen sich die Rollen auch manchmal
umkehren, dann bin ich eher die Mutter, die anruft, wie ein Termin
gelaufen ist, ob sie zu Abend gegessen hat, ob es ihr gutgeht
und so weiter.
Ab
einem gewissen Alter meinen Kinder häufig, sie müßten
den Eltern jetzt etwas zurückzugeben.
Biagiotti:
Genau, wir geben ihnen etwas zurück, wir können ihnen
aber vor allem viel Neues bieten. Töchter müssen ihren
Müttern helfen, zeitgemäß und jung zu bleiben,
ihnen vielleicht eine vernünftige Jeans aussuchen. Meine
Mutter trägt jetzt sogar Sneakers, die ich ihr verpaßt
habe, obwohl sie ihr ganzes Leben nur in Highheels herumgelaufen
ist. Das ist ein gutes Zeichen, daß sie mittlerweile auch
ein bißchen auf mich hört.
Laura
Biagiotti ist so etwas wie eine Stilikone, und Sie erzählen
ihr, welche Schuhe sie zu tragen hat? Das ist interessant.
Biagiotti:
Ja, das ist lustig. Ich glaube, viele Mütter machen den Fehler,
daß sie immer sagen wollen, wo es langgeht im Leben. Das
kann wahnsinnig frustrierend sein.
Wie
ist das bei Ihren eigenen Kollektionen "Roma" und "Dolls"?
Redet Mama Ihnen da manchmal rein und sagt "das geht so nicht,
das ist immer noch meine Firma?"
Biagiotti:
Nein, eigentlich genieße ich es, sie an meiner Seite zu
haben. Im Fashionbusiness sind so viele junge Leute, ein paar
von denen sind mit Sicherheit viel talentierter, als ich es bin,
und doch haben sie weniger Erfolg. Weil sie eben nicht die nötige
Erfahrung haben. Wenn ich ein neues Produkt für "Laura
Biagiotti" entwerfe, frage ich meine Mutter immer nach ihrer
Meinung.
Gibt
es Dinge ...
Biagiotti:
... trotzdem war ich beim Fifi-Award schon sehr stolz, daß
wir zum ersten Mal gewonnen haben - aber mit meinem Duft!
Gibt
es Dinge, in denen Ihre Mutter schrecklich altmodisch ist?
Biagiotti:
Sie sammelt viel Kunst, Skulpturen. Aber eigentlich nicht. (überlegt)
Oh doch, sie ist sehr eigen, was Essen angeht, typisch italienisch.
Zum Beispiel haßt sie japanisches Essen - während ich
Sushi liebe. Als ich ihr gestern erzählte, daß ich
Sushi essen war, schrie sie am Telefon: "Roher Fisch? In
Berlin? Bist du verrückt, da ist doch gar kein Meer in der
Nähe!" Woraufhin ich antwortete: "Mama, wir essen
doch auch in Mailand ganz guten Fisch. Ist da irgendwo Meer?"
Sie
und Ihre Mutter wohnen sogar noch zusammen, oder?
Biagiotti:
Ja, aber einer von uns beiden ist glücklicherweise immer
unterwegs. Wir sehen uns deshalb gar nicht so viel, wie man vielleicht
vermuten würde.
Sie
gehen sich also gegenseitig nicht auf die Nerven.
Biagiotti:
Eher selten. Und wenn, finden wir eine Lösung. Sie hört
mir vielleicht nicht das erste Mal, nicht das zweite Mal zu, aber
beim dritten Mal doch! Auf meinem Schreibtisch liegt ein Zettel
meines Vaters, auf dem steht "It can be done". Ich akzeptiere
also kein Nein. Sie allerdings leider auch nicht.
Nicht
ganz einfach für Ihren Freund Francesco, wenn die Mutter
mit im Haus wohnt. Wie war es, als Sie ihn das erste Mal mit nach
Hause brachten?
Biagiotti:
Das eigentliche Sagen im Haus hat unsere Hündin Medea, ein
Mischling aus der Maremma. Als ich Francesco vor fünf Jahren
mit nach Hause brachte, sagte meine Mutter also lediglich, wenn
er nicht in Ordnung sei, würde Medea ihn schon ordentlich
anbellen. Also brachte Francesco nicht nur Blumen für meine
Mutter, sondern auch eine große Tüte Hundekuchen mit.
Medea hat nicht einen Mucks gemacht.
Neben
Mode soll Ihre andere große Leidenschaft Fußball sein.
Stimmt es, daß Sie sogar Kolumnen für eine italienische
Sportzeitung geschrieben haben?
Biagiotti:
Ja, ich habe regelmäßig für den "Corriere
dello Sport" geschrieben und bin ein großer Lazio-Rom-Fan
- auch wenn diese Saison wieder eine Katastrophe war. Kein Geld,
keine Spieler, ein Trauerspiel. Wenigstens war unser Erzfeind
AS Rom noch schlechter.
Wie
kommt es, daß Sie sich so für Fußball interessieren?
Biagiotti:
Mein Vater hat mich wohl schon als Kind infiziert. Letztes Jahr
habe ich sogar als einzige Frau in der italienischen Nationalmannschaft
der Modedesigner gegen die Formel-1-Mannschaft mit Michael Schumacher
mitgespielt. Leider haben wir 2:4 verloren.
Und
Sie gehen auch ins Stadion?
Biagiotti:
Sooft ich kann. Mit meinem himmelblau-weißen Lazio-Kaschmirschal,
den meine Mutter für mich entworfen hat. Francesco meint,
ich sei schlimmer als ein Junge, weil ich immer analysiere, was
auf dem Spielfeld passiert.
Sehr
gut. Da bei uns Frauen angeblich nur Fußball schauen, weil
sie die Spieler "so süß" finden - welche
schlauen Kommentare können Sie uns mit auf den Weg geben,
die man am Mittwoch beim Finale des Konföderationen-Cups
gefahrlos von sich geben kann?
Biagiotti:
Was eigentlich immer funktioniert ist: "Die müssen mehr
über die Außen spielen!" In den meisten Begegnungen
hängen die Spieler nämlich im Mittelfeld fest. Und was
natürlich auch immer geht, ist den Schiedsrichter für
irgend etwas zu beschimpfen. Obwohl ich das eigentlich nicht sagen
dürfte, weil Pierluigi Collina einer meiner besten Freunde
ist.
Tatsächlich?
Biagiotti:
Er ist sogar bei einer Modenschau von uns mitgelaufen, die wir
auf der Spanischen Treppe gemacht haben. Dabei hat er sogar Naomi
Campbell und Laetitia Casta ausgestochen. Er ist so ein eleganter
Mann.
Wer
im Fußball hat Ihrer Meinung nach noch einen guten Stil?
Biagiotti:
Unser letzter Coach, Roberto Mancini, zum Beispiel, der leider
zu Inter Mailand gewechselt ist. Es gibt schon ein paar tolle
Männer im Fußball.
Was
ist mit José Mourinho, dem Trainer von Chelsea?
Biagiotti:
Er sieht sehr gut und sehr arrogant aus. Da kann er sich noch
so elegant anziehen. Guter Stil kommt von innen.
Irgendein
Deutscher?
Biagiotti:
Rudi Völler. Der hat Stil! Ich finde sogar, daß er
etwas Mediterranes an sich hat. Auch wenn es für ihn hier
zuletzt vielleicht nicht so gut lief - wir Italiener lieben Rudi
Völler!
Das
Gespräch führte Silke Wichert
Artikel
erschienen am 26.6.2005 - Welt
am Sonntag
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